Mehr über Adrian Hehl…

Professor für Parasitologie an der UZH

Eigentlich wollte ich mich beruflich mit Schiffen und Seefahrt beschäftigen; als Kind haben mich die grossen Segelschiffe besonders fasziniert. Wie James Cook oder Francis Drake, die berühmten englischen Seefahrer und Entdecker, wollte ich um den Globus segeln, Abenteuer bestehen und Neues entdecken. Diese Entdecker verkörpern für mich noch immer den eigentlichen Forschergeist, diesen Drang, über den bekannten Horizont hinaus zu schauen, und nicht nur darüber zu fantasieren, sondern auch selber hinzugehen, was natürlich immer mit sehr hohen Risiken und Gefahren verbunden war. Christoph Kolumbus zum Beispiel ist vor 500 Jahren ganz wie ein Wissenschaftler vorgegangen: Seine Idee war, dass er, von Europa aus nach Westen segelnd, schliesslich in Indien ankommen würde. Die Fahrt ins Unbekannte war der experimentelle Test, die Entdeckung des amerikanischen Kontinents das Resultat.

Diese Neugier, die wichtigste Eigenschaft für einen Forschenden, hat mich schliesslich zu den Naturwissenschaften geführt. Mit dem Studium der Biologie wollte ich mich zum Wild- und anschliessend zum Meeresbiologen ausbilden lassen. Es kam aber ganz anders:

Vor etwa 30 Jahren begann sich die Molekularbiologie, ein noch sehr junges Feld der Wissenschaft, die mit der DNA arbeitet, rasant zu entwickeln. Das hat mich interessiert und bald hatte ich alle meine Kurse in Zoologie eingetauscht gegen Vorlesungen in Biochemie, Zellbiologie und Physiologie (das ist die Lehre von den normalen Lebensvorgängen). Ich war entschlossen, diese neue Welt zu entdecken. Der Vater eines Schulfreundes, ein Professor für Mikrobiologie an der Universität Bern, hat mir dann einen Laborplatz an seinem Institut angeboten, wo ich meine Diplomarbeit und anschliessend mein Doktorat abschloss.

Statt Korallenriffe untersuchte ich nun mit Pipetten und Mikroskopen wie die Erreger der afrikanischen Schlafkrankheit, einer verbreiteten Tropenkrankheit, ihre Oberfläche verändern und sich so vor dem Angriff des Immunsystems schützen. Nur ein paar Jahre vorher wäre mir diese Arbeit als Laborbiologe undenkbar erschienen! Ein Zufall hat mich ausserdem in ein Labor geführt, wo statt der „üblichen“ Modellorganismen wie zum Beispiel Hefezellen oder Darmbakterien, einzellige Parasiten erforscht wurden, kleinste Lebewesen also, die Tiere oder Pflanzen befallen und schlimme Krankheiten verursachen können. Die Faszination für das Zusammenspiel von Parasit und Wirt, das heisst dem Träger des Parasiten, hat mich seither nie mehr losgelassen. Parasiten überleben nur, weil sie sehr genau „wissen“, wie die Wirte, von denen sie leben (seien das Menschen, Tiere oder Pflanzen), funktionieren. Indem wir diese Beziehung untersuchen, können wir nicht nur Impfungen oder Behandlungen entwickeln, sondern wir lernen auch viel Neues über die Wirte selbst.

Wie für die meisten meiner Mitstudierenden war für mich klar, dass ich nach dem Doktorat meine Ausbildung für einige Jahre in den USA vervollständigen würde. Ich hatte das Glück, mit einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds eine Stelle als Assistent an der berühmten Stanford University in Kalifornien zu erhalten. Hier habe ich meine Arbeiten mit Parasiten fortgesetzt und auch Grundlagen zu meiner heutigen Forschung an der Uni Zürich gelegt. In Stanford hatte man damals nämlich begonnen, nicht bloss einzelne Gene und ihre Produkte zu untersuchen, sondern zu fragen, was mit einem Lebewesen passiert, wenn sich die äusseren Bedingungen stark verändern, zum Beispiel: Was geschieht, wenn eine Mücke mit ihrem Stich den Erreger der Malaria ins Blut eines Menschen überträgt oder wie passt sich der Parasit an diese völlig neue Umgebung an? Die Malaria ist ja eine Krankheit, die in den Tropen vorkommt und durch die jedes Jahr mehr als eine Million Menschen sterben.

Die ersten Schritte in diesem neuen Fachgebiet, das man als Systembiologie bezeichnet, mussten wir vor zehn Jahren mit viel Handarbeit machen. Heute ist das ganz anders: Wir arbeiten als Biologen mit Informatikern, Mathematikern und Ingenieuren zusammen und untersuchen im Team, wie sich Parasiten verändern, wenn sie die verschiedenen Stadien ihrer Lebenszeit durchlaufen. Genau wie auf einem Segelschiff ist es das Zusammenspiel der verschiedenen Spezialisten, welches die schnelle und sichere Reise an unser Ziel ermöglicht, nämlich herauszufinden, wie diese winzigen Lebewesen funktionieren, damit wir die oft schlimmen Krankheiten, die sie verursachen, heilen oder gar verhindern können.