Zyklopen, Meerwunder und feuerschleudernde Ungeheuer: Wo leben die Monster im Mittelalter?

Meerwunder im Wigamur

Meerwunder Wigamur

Kinder der Kinder-UZH haben das Meerwunder im Wigamur gezeichnet. Eine Auswahl der Zeichnungen kannst du in dieser Bildergalerie anschauen.

Wigamur ist eine vremdiu creatiure und sehr gefährlich: Jeder, der sich ihm nähert, muss um sein Leben fürchten. Sein Kopf entspricht dem eines Mannes, doch seine Haare sind herte borste hürnîn, der Bart ist lanc, grüenvar und ungeschaffen, sein Mund ist wie der eines Affen, von der Brust abwärts ist er geschüepelt wie ein Fisch. 

Der Held Wigamur, der von dem Meerwunder in einem hohlen Stein im Meer gefangen gehalten wird, lernt folgendes von ihm: tugent und gevuoclîcheit, / singen unde seitenspil / und ouch ander hübscheit vil: /schirmen unde springen / loufen und ouch ringen, / unz er kam zuo sînen tagen, / daz er solte haben getragen / swert und mannes were.

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Im Mittelalter gibt es viele Geschichten von tapferen und starken Helden. Wir hören von Rittern, die ausziehen, um Abenteuer zu erleben. Sie treten gegen andere Ritter im Kampf an und begegnen Zwergen, Riesen und weiteren wundersamen Wesen. Da gibt es aber auch Fernreisende, also Menschen, die sich auf den Weg machen, die Welt zu erkunden und davon zu berichten. Reiseerzählungen oder Weltkarten zeigen nicht nur fremde Menschen mit einer oftmals fremden Kultur, sondern ebenso Gestalten, die weder eindeutig Mensch noch Tier sind. Die mittelalterlichen Quellen berichten von Drachen, wilden Frauen, feuerschleudernden Kreaturen, aber auch von menschenähnlichen Wesen, die jedoch deformiert sind und nur ein Auge, fehlende, überflüssige oder völlig verdrehte Gliedmaße haben – kurz: von Wesen, die wir heute als Monster bezeichnen.

Was sind Monster?

‚Monster‘ nennen wir heutzutage meist ungeheuerliche Fantasiewesen. Doch nicht all diese Kreaturen, die bei uns zur Kategorie ‚Monster‘ zählen, wurden auch schon im Mittelalter dort eingeordnet. Das Wort ‚Monster‘ stammt von dem lateinischen monstrum, das mit ‚Mahnzeichen‘ übersetzt werden kann. Im Lateinischen gibt es Verbindungen sowohl zum Verb monstrare, das ‚zeigen‘ bedeutet, wie auch zum Verb monere, das ‚mahnen‘ oder auch ‚an etwas erinnern‘ bedeutet. Wenn wir also etwas als Monster bezeichnen, sagen wir, dass es uns etwas zeigen oder an etwas gemahnen soll. Was aber mögen uns die mittelalterlichen Wesen zeigen, die wir Monster nennen?

Was uns interessiert?

Darüber wollen wir in der Vorlesung gemeinsam mit Euch nachdenken, indem wir uns einige Berichte und Geschichten von Monstern genauer ansehen. Dabei müssen wir verschiedene Fragen stellen, um der Bedeutung der Monster auf die Schliche zu kommen: Welche Quellen berichten uns von Monstern? Überliefern sie Zeichnungen oder nur Text? Welche Wesen werden auch als Monster bezeichnet? Wie sehen die Monster aus, denen unsere Helden – Ritter wie Reisende – begegnen? Wo genau leben die Monster im Mittelalter und wo treffen unsere Helden auf sie?

Und nicht zuletzt: Was können wir als Wissenschaftler aus der Vorstellung wundersamer Wesen lernen, die uns mittelalterliche Quellen überliefern?

Daniela Fuhrmann: Mehr über mich ...

Als kleines Kind habe ich gar nicht gerne gelesen. Ich habe mir lieber vorlesen lassen, denn gute Geschichten haben mir schon immer gefallen. Ich mochte es, mir die Welten und Figuren vorzustellen, von denen all die Geschichten erzählten. Mit Hilfe der Texte konnte ich in ferne Länder reisen oder lustige Kreaturen mit blauen Punkten im Gesicht kennenlernen, die immer einen Punkt verlieren mussten, wenn ein Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Als die Erwachsenen irgendwann keine Lust mehr hatten, mir ständig vorzulesen, habe ich eingesehen, dass diese kleinen Ausflüge ins Reich der Fantasie nicht aufhören müssen; ich musste nur selbst zu lesen beginnen.

Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört zu lesen. In der achten Klasse habe ich beschlossen, Deutsch zu studieren, weil mich auf einmal nicht nur die Inhalte von Geschichten interessiert haben, sondern auch die Frage, wie man diese Inhalte erzählen muss, damit sie spannend sind, einen zum Lachen, Weinen oder Nachdenken provozieren.

Mittlerweile habe ich Deutsche Literaturwissenschaft studiert und sogar meinen Doktor in diesem Fach gemacht. Als Literaturwissenschaftlerin beschäftige ich mich heute viel mit der Art, wie Texte aufgebaut sind, wovon sie berichten, auf welche Quellen sie zurückgreifen, um ihre Geschichten zu erzählen, und für wen die Texte vielleicht geschrieben worden sein mögen.

Noch immer aber mag ich an meinem Beruf besonders die kleinen Fluchten aus dem Alltag, die das Lesen ermöglicht, weil es mich in andere – manchmal fantastische, manchmal gruselige, manchmal sehr gut organisierte – Welten entführt, gerade wenn ich Texte aus dem Mittelalter lese. Ganz oft hilft mir das auch dabei, über meine eigene Welt nachzudenken.

Pia Selmayr: Mehr über mich…

Was hast du immer dabei, wenn du aus dem Haus gehst? Was packst du in deine Tasche? Für mich ist das ein Buch, ohne Buch verlasse ich meine Wohnung nie. Das ist schon seit meiner frühesten Kindheit der Fall. Ich lese nicht nur gerne Geschichten, ich mag auch das Buch als Objekt, als Gegenstand, den man aufschlagen kann, in dem man blättert und der stets unterschiedlich riecht. Deswegen war ich auch als kleines Kind gerne in Bibliotheken und bin durch die Regale gestreift, stets auf der Suche nach einem neuen Schatz, der sich dort verbergen kann.

In jedem Buch steckt eine ganz neue und andere Welt, kaum aufgeschlagen ziehen sie mich in ihren Bann. Eine besondere Faszination – damals wie heute – üben alte Bücher auf mich aus mit ihren tollen Einbänden, goldenen Lettern, der besonderen Schrift und den spannenden Geschichten.

Um mehr über diese alten Bücher zu erfahren, habe ich Deutsch studiert und dann meine Doktorarbeit über mittelalterliche Helden und die Gegenstände, die sie bei sich tragen, geschrieben. Ich habe das große Glück als Literaturwissenschaftlerin jeden Tag aufs Neue spannende, lustige, erschreckende und tolle Geschichten zu lesen und mir darüber Gedanken machen zu dürfen, was und wie erzählt wird.