Warum gibt es verschiedene Religionen?

Wahrscheinlich wisst ihr alle, dass es in der Schweiz und in der Welt viele verschiedene Religionen gibt. Auch in eurer Schulklasse haben wahrscheinlich nicht alle die gleiche Religion: Vielleicht gibt es Kinder, bei denen es auch innerhalb einer Familie verschiedene Religionen gibt; und andere, für deren Familie Religion nicht sehr wichtig ist. All das ist heutzutage ziemlich normal.  

Warum gibt es überhaupt Religionen? Und nicht nur eine, sondern viele? Welche Religionen gibt es bei uns, und warum gerade diese? Warum gibt es in anderen Teilen der Welt auch ganz andere Religionen? Wie kommt jemand zu seiner oder ihrer Religion? Kann man die Religion auch wechseln?  

Zu diesen Fragen möchte ich euch ein paar Antworten geben und euch erklären, warum nicht alle Menschen das Gleiche glauben. Und wenn ihr eigene Fragen zu den verschiedenen Religionen mitbringt, können wir diese vielleicht auch noch besprechen.  

Wann und wo?

Mittwoch, 9. November 2022, 15.00 Uhr.

Die Vorlesung findet am Campus Irchel (Y24-G-45) statt. 

Christoph Uehlinger: Mehr über mich...

Zeichnung

Letztes Jahr sind kurz nacheinander zuerst meine Mutter, dann mein Vater gestorben. Als ich nach dem Tod meiner Eltern in ihrer Wohnung aufgeräumt habe, fand ich ein Heft, das meine Eltern aufbewahrt hatten mit Aufsätzen von mir in Schnürlischrift aus der 3. Klasse; das Deckblatt war eine Zeichnung von mir selbst im Alter von 9 Jahren. Das Heft hat mich in meine Kindheit zurück versetzt. Als Kind nahm mich meine Mutter fast jeden Sonntag in eine Kirche mit. Ich beobachtete, was die Leute vorne und neben mir so alles machten, schaute die vielen Bilder an, die es in der Kirche gab, lernte beten und beichten, feierte die Erstkommunion und wurde gefirmt. So wurde ich katholisch, wie meine Mutter. Wenn ich zurückdenke, kommt es mir vor, als hätte ich als Kind nicht nur eine Muttersprache, sondern auch eine Art Mutterreligion gelernt.  

Später wollte ich Mönch werden, in einer Gemeinschaft mit vielen anderen Männern leben und viel beten (kürzlich hat mich einer meiner Enkel gefragt, was das heisst, „beten“?). Zuerst wollte ich aber mehr über meine Religion lernen und habe deshalb Theologie studiert. Dann lernte ich meine Frau kennen, verliebte mich in sie, wir haben geheiratet und selber Kinder bekommen. Mit unseren Kindern hat das mit der Religion dann nicht mehr gleich funktioniert: Wir teilen zwar viele gemeinsame Überzeugungen, aber mit Religion haben sie eher wenig zu tun.  

Beim Studieren an der Universität und auf Reisen in fremde Länder habe ich immer mehr andere Religionen kennengelernt. Einige davon, vor allem die ganz alten, haben mich fasziniert. Religionen gibt es fast so viele wie Sprachen. Ich verstehe Religion wie eine Art Sprache, oder eben: viele Sprachen. Mit diesen Sprachen reden Menschen über Dinge, die ihnen im Leben, ja sogar darüber hinaus, wichtig sind: Sie können in Gedanken mit Menschen verbunden bleiben, die sie sehr gerne hatten, die nun aber tot sind; sie können miteinander Feste feiern; sie können zu Gott, zu Göttern oder zu Göttinnen beten, wenn sie an sie glauben. Viele Menschen reden zu einem Gott, sind aber nicht ganz sicher, ob es ihn gibt.  

Seit bald zwanzig Jahren bin ich an der Uni Zürich Professor für Religionswissenschaft und studiere verschiedene Religionen. Wie das Foto zeigt, sehe ich heute etwas anders aus als in der dritten Klasse, auch die Brille ist nicht mehr die gleiche. Heute bin ich ein Grossvater mit vier Enkeln, von denen zwei in Winterthur leben und zwei in Kolumbien. Zum Glück gibt es WhatsApp, damit wir miteinander reden und sogar zusammen Geburtstage feiern können. Sind Religionen vielleicht auch eine Art WhatsApp, einfach viel älter?